Hans Ostendorp


Zu Besuch bei Hans Ostendorp

Hans bleib doa, du woast ja ned, wias Wedda wird…
Zum 66. Geburtstag am Sonntag, den 30. Dezember 2012, besuche ich Hans in seinem Domizil im Elisabethenheim. Hans leidet an Krebs im Endstadium und hat nur noch wenige Tage oder Wochen Lebenserwartung. Wer jetzt glaubt, in seinem Zimmer würde Trübsal geblasen, der hat sich geirrt, oder noch nicht mit dem Hauptakteur Hans gesprochen. Herzlich begrüßt er mich als seinen ehemaligen Stammwirt und stellt mich seinem Sohn, der Schwiegertochter und seiner Geburtstagsgratulantin Susanne vor.

Dann purzeln die Anekdoten durch den Raum, als wäre er erst gestern bei mir im Lokal gesessen. Hans Gedächtnis ist phänomenal und er erzählt von den Erlebnissen damals mit einer Begeisterung, die uns alle ansteckt und uns vergessen lässt, wie wenig Zeit er in diesem Leben noch hat.

„Ich habe ein schönes Leben geführt,“ stellt Hans fest und deutet zur Bestätigung auf seinen Sohn und seine Schwiegertochter, nicht ohne auch seinen vierjährigen Enkel zu erwähnen, der aber heute nicht dabei ist.

„Sicher waren schwierige Momente für mich dabei, aber die positiven Eindrücke überwiegen.“

Ich bin beeindruckt. Hans redet sich seine Lebenszeit nicht nur schön, er meint es wirklich so. Er sucht das positive und findet es auch. Nicht einmal seine tödliche Krankheit macht ihm zu schaffen, abgesehen von den körperlichen Schmerzen, die ihn an sein Endstadium erinnern. Er hat abgeschlossen mit seinem irdischen Leben und freut sich darauf, was danach auf ihm zukommt. Er glaubt an ein Weiterleben und stellt sich vor, von oben oder drüben weiterhin mitwirken und helfen zu können im Alltag der Menschen. Als Hummel würde er gerne herumfliegen.
Doch jetzt lebt er noch und wie. Als Susanne aufsteht und sich verabschiedet, fliegt er förmlich aus seinem Sessel und umarmt sie mit einer Herzlichkeit, die ansteckend ist und mir noch einmal bewusst macht, was wir an diesem Menschen verlieren.

Wir können ihn nicht verlieren. Er schaut uns dann von oben zu. Schön wär´s ja.

Seinen Boandlkramer, wie er den Erhard vom Bestattungsinstitut nennt, hat er schon über den Ablauf der Trauerzeremonie genauestens informiert.

Hans kann über das Sterben reden und nimmt uns damit die Hemmungen. Wir reden übers Leben und der Tod macht uns hier in seiner Gegenwart keine Angst. Ich bin Hans sehr dankbar, dass ich ihn an seinen 66. Geburtstag besuchen durfte, dass er mir zeigte, wie sehr er sich darüber freute und ich bei diesem Besuch so viel staunen und lernen konnte von einem Menschen, der in seiner Art einmalig ist und in meiner Erinnerung ein Leben lang bleibt.

Normalerweise wünscht man dem Geburtstagskind ein langes und gesundes Leben. Dies wäre hier wohl das falscheste, was man sich vorstellen kann.

Hans, bleib so wie du bist und mach es gut.
Dein Deggendorfer Stammwirt
Otto

Den Anfang des Liedes, das er sich am Totenbett gewünscht hat und in der ersten Zeile steht, geht so weiter: …Hans bleib do, du woast ja ned wias wird.

Hans verstarb am Freitag, den 01.03.2013