Else


So war Else!

Der Gast wirkt leicht irritiert. Mit einem lauten Hallo ist er gerade von einer freundlichen, älteren Dame begrüßt worden, obwohl ihn hier keiner kennt, weil er zum ersten Mal hier ist.
Höflich grüßt er an den Tisch zurück, an dem diese Dame sitzt.
„Wer bist du denn? Ich kann ja nichts sehen“, erklärt die Frau dem Neuling. So passiert es, dass dieser neue Gast sich mit an den Tisch setzt, kurz darauf von sich erzählt, als wäre er immer hier gewesen. Innerhalb kürzester Zeit hat Else, die Mutter von Wirt Otto, wie sie sich vorstellt, den Kontakt hergestellt und verwöhnt diesen neuen Gast mit Anekdoten aus ihrem 94 jährigem Leben. Staunend und fasziniert sitzt der Neuankömmling am Tisch und lässt sich von der Lebensfreude dieser Greisin anstecken.
Bewundernd deutet der Gast auf meine Mutter und verabschiedet sich von mir mit den Worten:
„Was für eine außergewöhnliche Frau!“
Treffender hätte es der Neuankömmling nicht sagen können, denn mit dieser Meinung steht er hier nicht allein. Das können alle bisherigen Gäste, die hier in diesem Lokal über Generationen verkehrten, nur bestätigen. Else, die leider am
Montag, den 27.Dezember 2010 im 95. Lebensjahr verstarb, war zu Lebzeiten schon ein Original und eine Vollblutwirtin mit Leib und Seele.
Sie liebte die Unterhaltung und wenn gesungen wurde, dann war sie selig. Es gab einige Gäste, die sehr enttäuscht waren, wenn Else einmal fehlte. Am schlimmsten war dies wohl für ihren Freund James, der mit Else in den letzten Jahren viele Abende an ihrem Tisch verbrachte.
Einmal war Else im Lokal nicht anwesend, schon kündigte er sich beim nächsten Mal telefonisch an, damit auch ja nichts schief lief. Sie liebten die gleiche Musik und dementsprechend verliefen ihre Abende. Da wurden alte Schlager geträllert und so manche Arie geschmettert. Den beiden wurde es nie langweilig.
Manchmal kamen auch die „Hamburger“ Monika und Axel.
Else hatte auch die beiden in ihr Herz geschlossen und freute sich jedes Mal über ansprechende Unterhaltung.
Wenn sie aber alleine am Tisch saß, dann fragte sie mich jedes Mal, wenn die Tür aufging(und die ging sehr oft auf) wer denn da gekommen sei. Sie wollte einfach am Wirtshausleben teilnehmen und da sie ja nichts mehr sah, brauchte sie mich als Vermittler. „Wer war das? Kenn ich den? Bei mir ist noch ein Platz frei! War dies nicht der so und so?“ Mit allen Mitteln versuchte sie dann, mit jemanden in Kontakt zu kommen, weil für Else ein Abend ohne Gespräch ein verlorener Abend war.
Dies kam aber kaum vor, weil sie konsequent, aber nicht aufdringlich, nach Unterhaltung suchte und regelmäßig fand.
Gerne setzte sich Werner mit seinem Bruder oder seinen Töchtern an Elses Tisch. Obwohl hier schon große Generationsunterschiede waren, kam keine Langeweile auf.
Else interessierte sich für Jung und Alt und konnte immer für Unterhaltung sorgen. Es gab Weihnachtsabende im Lokal, an denen bis früh am Morgen musiziert wurde. Else blieb eisern sitzen und fragte noch um fünf Uhr morgens den Haimerl Lugg, als er sich verabschiedete: “Gehst du schon heim? Wir singen doch noch so schön!“ Dies war letztes Weihnachten 2009.
Else war zwar nach Jahren alt, aber im Herzen und vom Gefühl her blieb sie immer jung. Bei einem Gespräch über Schönheitsoperationen hörte ich Else noch vor kurzem sagen: „Ich würde mich niemals liften lassen!“
Ihr Dasein und diese Lebensfreude, die sie im hohen Alter noch zeigte, werden wir alle sehr vermissen. Es kamen Briefe von nah und fern, alle drückten ihre Betroffenheit aus, man spürte aber auch deren Freude, diesen wertvollen Menschen kennengelernt haben zu dürfen. Obwohl die Beerdigung schon am nächsten Tag nach der Todesanzeige stattfand, war die Kirche voll und trotz eisiger Kälte begleiteten sie viele, viele Gäste von heute bis damals auf ihrem letzten Weg.
Ich spreche jetzt in Elses Sinne:
„A schöne Beerdigung war es und danke, dass soviele kemma san. I werd eich nie vergessen!“